Während des Komas eines Menschen fielen einem Besucher (B) die Hausschuhe auf, die akkurat am Boden standen. Die standen da, als wäre dieser Mensch in der Intensivstation nach Hause gekommen, stellt seine Hausschuhe ab und legt sich ins Bett.
Einige Zeit später ist der Patient (Z) wach und kann sich äußern. Noch ohne das Bild der Hausschuhe zu kennen, fällt der Satz „Im Koma bin ich ja zu Hause".
Die nachfolgenden Auszüge eines späteren Gesprächs kommen darauf zurück.

B: Warum haben Sie dieses Bild verwendet: „Im Koma bin ich ja zu Hause“?

Z: Ich hatte das davor schon mal erlebt. Ich wusste, dass es diesmal ernster wird und länger dauert. Und ich auch meine Hausschuhe nicht ausgezogen habe. Ich bin gleich mit den Hausschuhen rein. […] Das hat mich ein wenig aus der Bahn geworfen. Aber ich habe mich trotzdem aufgehoben gefühlt, [obwohl ich mit Wut aufgebracht war], weil ich diesmal überhaupt nicht reagieren konnte. Das heißt, ich konnte nicht „Ja“ oder „Nein“ sagen. In dem Sinn: Ja, ich will es oder ich will es nicht.

B: Wenn Sie jetzt erzählen: "Ich war aufgebracht, weil ich mich nicht wehren konnte", […] war das ein Gefühl, das sich jetzt im Rückblick bei Ihnen schon im Koma aufgebaut hat, oder sagen Sie: Da gibt es irgendwo eine klare Kante und dann bin ich wieder da gewesen – das würde ich jetzt nicht Koma nennen, und da ist die Wut aufgetaucht?

Z: Nein, das hat sich in dem Zeitraum des Komas aufgebaut. […] Ich war teilweise manchmal etwas da, vom Kopf her, konnte aber trotzdem nicht reagieren. Das heißt, ich wusste meinen Namen nicht, obwohl ich das vom letzten Koma her kannte. […] Jetzt reiß dich mal zusammen, du musst jetzt wissen: deinen Namen, dein Geburtsdatum, wo bist du? Und diese Frage ist mir sehr, sehr, sehr, sehr oft gestellt worden: „Wo befinden Sie sich gerade“? - Konnte ich nicht beantworten!

B: […] Was hat Ihnen denn geholfen, wieder zurückzukommen?

Z: Meine Lebensgefährtin, sehr stark sogar! Sie hat sehr viel mit mir gesprochen. Dann die Unterstützung auch von Bekannten, Verwandten, Freunden, die mich teilweise besucht haben und mir Mut zugesprochen haben und auch sagen konnten: "Du bist hier noch nicht am Ende!" Aber ich [wusste auch], dass ich noch nicht am Ende war der Fahnenstange. Sie haben mich ja kennengelernt als Kämpfer, als starken Kämpfer. Und das bin ich, das werde ich immer sein und so werde ich auch immer bleiben. Ich gebe niemals auf, sei es für mich zu kämpfen, sei es für Familie, Verwandte, Freunde zu kämpfen.
[…] Meine Lebensgefährtin zum Beispiel hat das so für sich und für mich beibehalten, dass sie mich fast immer zur gleichen Zeit besucht hat und ich mich darauf freuen konnte und darauf aufbauen konnte. […]

B: Gibt es irgendetwas, wo Sie sagen: „Ja, da war was in dieser Zeit, wo ich nicht wach war?“

Z: Ja, wo ich ganz allein war. Da habe ich mich so ein wenig verloren gefühlt. In der Zeit, wo ich ganz allein war, wo niemand da war. Ich habe das mit der Umlagerung und den ganzen Sachen, alles gar nicht wahrgenommen. Also von Bauch auf Rückenlage oder auf Seitenlage habe ich alles gar nicht wahrgenommen, vielleicht wollte ich es gar nicht wahrnehmen. Und ich habe immer nur Wahrnehmungen dann aufgegriffen oder für mich, als jemand da war, sei es Verwandte oder meine Partnerin. Dann waren es Gerüche. Man riecht ja auch. Ihr Parfüm zum Beispiel habe ich gerochen. Oder das Parfüm oder Rasierwasser von Angehörigen, […] die habe ich da wahrgenommen. […]
Ich habe die Kälte gespürt beim Waschen. Ich habe das überhaupt nicht gemocht. Gar nicht. Diesen kalten Lappen. Ja, man hat es einfach gespürt.

B: Wenn [man] jetzt ganz weit gehen wollte, dann haben Sie es ja eigentlich gezeigt, dass Ihnen die Bauchlage nicht passt. Es war immer ein Drama, Sie auf den Bauch zu bringen.[…] Da haben Sie sehr stark reagiert. […]
Bedeutet es für Sie irgendwas, dass es einen Menschen gibt, der sich darüber einen Gedanken gemacht hat, da stehen seine Hausschuhe, als wäre er hier zu Hause, der sich bei Ihnen einfach ins Zimmer reinsetzt, Sie liegen im Koma, der sieht es, der macht sich da Gedanken drüber und erzählt Ihnen das später. Bedeutet das irgendwas für Sie?

Z: Ja, sehr viel sogar. […]

B: [Wie wäre das für sie, wenn Sie wüssten, Ihre Bekannten sitzen am Bett, während Sie im Koma liegen?]

Z: Wenn [meine Bekannten] hier sitzen würden - und ich liege im Koma? [Dann] hätte es noch einen höheren Stellenwert. Weil sie den Weg auf sich genommen hätten und sich nicht einfach nur ans Handy gehalten.

B: Also tatsächlich, Sie liegen zwar im Koma, in dieser Wehrlosigkeit, in dieser Schutzlosigkeit, aber die nehmen den Weg auf sich, sich trotzdem ans Bett hinzusetzen?

Z: Ja, ja, genau. [Meine] Bekannten, […], die haben den Weg doch nicht nur einmal auf sich genommen, hierher nach Nürnberg. Sie wissen gar nicht, was ich in dem Koma alles durchgemacht habe; […] Stationen, […] Träume. […]

Z: Wir waren einmal, meine Partnerin und ich, an einem Wirtshaus. Das liegt im Hochgebirge da unten bei München, da ganz weit oben. Das ist eine ganz kleine Hütte mit sechs Plätzen, acht Plätzen. Und daneben ist eine Koma-Station, wo die Leute eingeliefert werden. Teilweise dann wiederhergestellt. Und dann dürfen sie gehen. Und ich wollte in diesem - ich nenne es Traum, weil es kann keine Wirklichkeit gewesen sein. Es kann es einfach nicht gewesen sein - wollte ich auch immer reden. Ich wollte, weil die haben meinen Namen nicht gekannt.[…]
Und ich wollte denen helfen, schneller ans Ziel zu kommen und meinen Namen herauszufinden. Und deswegen habe ich immer auf dieses Haus gezeigt. So eine kleine Holzhütte war das. Ich glaube, die gibt es gar nicht, diese Holzhütte. Und dann bin ich irgendwie mit dem Sani nach Nürnberg gekommen. Helikopter über uns, der uns begleitet hat, im Ernstfall, obwohl der mich hätte gleich mitnehmen können. Statt im Krankenwagen zu fahren, gleich in den Heli hinein. Ja, und dann war ich irgendwann in Nürnberg. Ich kann mich aber ganz stark an das Zimmer [Nr. …] erinnern. Und irgendwie hat es was mit meiner Oma und meinem Opa zu tun. Weiß ich nicht. Ich kann es Ihnen nicht verraten, warum. Keine Ahnung. Ob wir da mal geschnitzt haben, mein Opa und ich oder irgendwas. Irgendwas war da. Auf alle Fälle war er auch da. Obwohl es ihn nicht mehr gibt.

B: Und der war da?

Z: Der war da. Der hat da mit mir gesprochen. Die Oma nicht! Die war ein Jahr vorher gestorben. Und die war leider nicht da. Aber mein Opa. Das weiß ich. […]

B: Wenn man nicht so für Sie gesorgt hätte, hätten Sie das nicht überlebt!

Z: Ich weiß. […]

B: Also Sie mussten es über sich ergehen lassen.

Z: Ja.

B: Es gibt keine andere Lösung.

Z: Es gibt keine andere Lösung! […]

B: Sie mussten sich mal richtig erkämpfen, sich versorgen zu lassen.

Z: Ja. Für mich selber.

B: Das ist aber schon radikal.

Z: Ja. Das ist radikal. Sehr sogar. Dieses Zulassen war für mich sehr, sehr schwer.
[…]

B: [Danke für dieses Gespräch!]