Ich wurde ins Koma versetzt. Am Anfang hatte ich Zweifel, ob ich den Schritt ins Koma gehen sollte. Es war eine schwere Entscheidung – überhaupt, in welche Richtung es geht, wegen dieser Ungewissheit, was passiert und wohin man sich begibt. Das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf geschossen sind, bevor ich überhaupt ins Koma versetzt wurde.
Der Zustand verschlechterte sich so weit, dass kein Weg mehr daran vorbeiführte. Das Allerschlimmste für mich war eigentlich vor der Narkotisierung, als der Arzt mich noch einmal darauf hinwies, dass das Leben wirklich endlich ist – dass ich auch nicht aus dem Koma aufwachen könnte. Dieser Part bleibt für mich schwierig, weil es der Moment ist, in dem man akzeptiert, dass alles vorbei sein könnte.
Der Augenblick, in dem ich narkotisiert wurde, war für mich ein Zustand, in dem ich irgendwie da und gleichzeitig nicht da war. Ich hörte die Stimmen der Ärzte, Pfleger und Leute um mich herum und bekam wirklich alles mit. Ich nahm Lichter außerhalb war, die leuchteten – sehr viele Farben. Auch einige Formen erschienen und es drehte sich.
Aus dem plötzlichen Farbenspiel wurde dann ein langes Nichts. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, irgendjemand sei da. Ich wusste zwar nicht, wer oder wie, aber mir wurde im Nachhinein erzählt, dass Pfleger mit mir gesprochen haben, meine Familie da war, meine Freunde da waren und mir diese Nähe gegeben haben. Irgendwie muss ich das mitbekommen haben, dass jemand da ist – dass ich nicht komplett alleine bin. So hat sich das jedenfalls angefühlt. Ob das dieses Spirituelle war, wie man sagt: „am Tor stehen" – gehe ich den Weg ins Tor oder wieder zurück auf die Ebene ins Diesseits und nicht ins Jenseits? Genau das war dieser Punkt, wo ich mich gefragt habe: Kämpfe ich den Kampf weiter oder nehme ich den einfachen Weg – einfach loszulassen?
Es war sehr lange sehr finster, kalt und dunkel, so wie ich es wahrgenommen habe. Aber es kamen auch wärmende Momente zwischendurch, beziehungsweise welche, die sich wärmend angefühlt haben. Vermutlich waren das Momente, wo ich wahrscheinlich berührt wurde oder jemand mit mir gesprochen hat. Die Sprache habe ich nicht so wahrgenommen, aber es müssen die Berührungen gewesen sein, die diese Wärme ausgestrahlt haben und ich habe irgendwie gemerkt, dass ich nicht alleine bin.
Auch beim normalen Schlafen träume ich relativ lebhaft – als wäre ich mitten im Geschehen. Es gab Situationen, wo ich wahrgenommen habe, meine Oma wäre da, obwohl sie eigentlich nicht da war. In dieser Situation spürte ich die Wärme – dieses gewohnte Gefühl, wenn man bei der Oma am Tisch gesessen hat. Dann hat man sich auch im Traum wohl gefühlt, oder es ging in die Albtraumrichtung, wo es kalt wurde und so lebhaft, dass man aufgeschreckt ist, weil es traumatisierend wirkte und gar nicht ins Leben passte.
Dann kam die Aufwachphase, in der mir der Intubationsschlauch entfernt wurde. Das war wiederum ein sehr kalter und ruppiger Moment, mit etwas Schmerz verbunden. Ich habe mich dagegen gewehrt, weil ich mich in einem Zustand zwischen wach und nicht-wach befunden habe. Das wurde mir erst im Nachhinein erklärt, aber im ersten Moment hat sich das alles so kalt, ruppig und einfach nicht schön angefühlt – aufzuwachen, nicht zu wissen, wie ich dahin gekommen bin. Man kann sich nicht bewegen, wie man gerade möchte. Nur den Kopf bewegen und ein paar Umrisse wahrnehmen. Das sind die Erfahrungen, die für mich auch noch relativ schwer einzuordnen sind. Tagtäglich beschäftigen sie mich noch.
Durch die Erfahrungen der letzten Wochen sind sowohl ich als auch meine Partnerin näher zum Glauben gerückt. Ich habe anscheinend noch eine Aufgabe hier im Leben, die ich zu erfüllen habe.
Heute ist ein Mitarbeiter der Intensivstation an mir und meinem Besuch im Klinikpark vorbeigefahren. Er hat uns gesehen, hat gewunken und uns auch wahrgenommen, nicht einfach nur als Nummern in seinem Programm, sondern wirklich als Menschen, als Personen. Das rechne ich ihm sehr hoch an, dass er diese Menschlichkeit weitergibt, das Zwischenmenschliche – „Bittet, und euch wird gegeben!"