Was ich nun erzähle, klingt vielleicht verrückt. Das war so ein Zustand zwischen Träumen und trotzdem starkem Realisieren. Ich habe oft drüber nachgedacht und mir gedacht: „Wie normal ist denn das?"

Ich habe gar nicht mitbekommen, wie das Koma begonnen hat. Meine Schwester hat mir erzählt, ich hätte wohl noch voll agiert kurz vorher. Aber ich weiß nichts mehr davon, kann mich an nichts erinnern. Ich weiß auch nicht, dass da medizinische Gespräche geführt wurden, gar nichts mehr. Im Nachhinein habe ich erfahren, was passiert ist, dass ich ins Koma gelegt wurde, und auch, wie schlecht ich dran war. Schmerzen hatte ich gar keine.

Was ich aber schon hatte, waren fürchterliche Angstzustände. Das waren so die Träume und Bilder, die sich in meinem Kopf abgespielt haben. Ich wusste nicht mehr: Existiere ich noch oder nicht? Ich konnte ja auch niemanden fragen. Das war so ein Gefühl, als wäre ich in einem Turm, aber auf halber Höhe. Es war wie auf einer Raumstation. Im Nachhinein habe ich dann so ein bisschen analysiert: Ich glaube, das haben die Geräusche und dieses Umfeld der Intensivstation gemacht. Das müssen diese Töne gewesen sein, die mich so irritiert haben. Es blinkte auch immer so. Halb habe ich etwas mitbekommen, und dann habe ich geträumt.

Es war ein Traum, den hatte ich ein paar Mal. In meinem Heimatdorf, zu Hause bei meinem Wohnhaus, war nichts mehr da. Da stand nichts mehr. Das halbe Dorf war weg und es war so etwas Gruseliges. Das war so schlimm, weil ich es nicht nachprüfen konnte. Ich habe einerseits gespürt: „Das ist nicht echt!“, aber mir auch gedacht: „Was ist echt? Das hier ist ja auch nicht richtig!" Aber ich konnte niemanden fragen! Es war dann immer in meinem Kopf drin: „Jetzt reiß‘ ich mir den Schlauch raus und geh‘ heim und schau‘ nach!" Ich habe mir gedacht: „Ich muss mich da jetzt irgendwie befreien!" Ich habe mich eingesperrt gefühlt, und dann war da auch dieser Beatmungsschlauch. Wenn ich da hin gefasst habe, habe ich sofort gehört: „Fassen Sie nichts an!" Damals habe ich gedacht: „Du hast keine Chance, du kommst hier nie wieder raus!" Das hat etwas von Unendlichkeit gehabt. Ich wusste nicht, warum ich da lag und wie ich in diese Situation kam. Ich war wie ausgeknockt und wusste auch nicht, dass mir viele Schmerzen erspart blieben durch die Medikamente. Ich war praktisch wie auf einer Raumstation, aus dem Leben gerissen. Das war eine furchtbare Belastung.

Es hat sich auch so ein bisschen angefühlt wie in einem Zelt, das auf Füßen steht und außen herum ist schon das Leben. Als ich aus dem Koma aufgewacht bin, habe ich gedacht: „Ja, genau, die Perspektive war es!" Da war nämlich auf der Intensivstation die Jalousie runtergelassen bis auf ein kleines Stück, und da sah man dann so ein bisschen das Leben draußen, also die Leute, die vorbeigingen. Das muss dieses Bild vom Zelt erweckt haben. Das war, als ob ich in einem riesigen Turm liege, der mit einem Zelt überspannt ist, und unten ist ein bisschen Platz, wo man rausschauen kann. Das war irre! Ich war wie gefangen. Das war ganz schlimm!

Ich hatte auch kein Zeitgefühl mehr, aber irgendwie habe ich es doch einordnen können. Ich habe mir gedacht: „Naja, okay, jetzt kommt wieder der Pfleger, dann wird es wieder dunkel." Das habe ich schon irgendwie realisiert, aber es war so endlos. Es war für mich dann auch die Frage: „Bin ich schon gestorben oder lebe ich noch? Ist das jetzt ein Schwebezustand?“ Ich hatte keine Erklärung dafür! Irgendwie hat mir aber auch die Kraft gefehlt, weiter drüber nachzudenken. Das waren immer so kurze Phasen, und dann bin ich wieder ins Koma gefallen. Diese Angstzustände und diese Träume waren nicht dauerhaft. Das war nur punktuell. Wenn sie aber kamen, haben sie eine Riesenunsicherheit und eine große Angst ausgelöst!

Ich kann mich an einen Besuch erinnern, das muss am Anfang gewesen sein. Der nächste Besuch, an den ich mich erinnern kann, war dann während der Aufwachphase. Dazwischen kann ich mich an keine Besuche erinnern. Auch wenn fast jeden Tag jemand da war, habe ich das nicht mitbekommen.

Der einzige menschliche Kontakt war nur der Pfleger oder die Pflegerin, die dann immer sagten: „Fassen Sie nichts an!" Das habe ich wahrgenommen, aber das kam auch ziemlich scharf! Das konnte gar nicht vorbeigehen im Kopf! Ich wusste allerdings nicht, dass das die Pflege ist, das habe ich erst hinterher erfahren. Du denkst ja, das ist dein Feind, der dich da bewacht! „Was ist das hier? Ich muss hier wieder raus!" Dann kam auch diese Angst wieder und dieses Gefühl eines Schwebezustands in der Höhe. Manchmal habe ich gedacht: „Wenn ich jetzt aussteige aus dem Bett, wie tief falle ich dann?", oder auch ein bisschen organisatorisch: „Wie mache ich was? … Wenn ich das schaffe, dann muss ich echt schnell sein!"

Aber ich wusste ja nicht, wie krank ich bin. Mein einziges Ziel war wirklich, nach Hause zu schauen; auch zu unserem Familiengrab, wie es dort aussieht. Ob ich schon beerdigt bin? Ganz komische Fragen! Ganz existenzielle Fragen: „Existiere ich noch oder ist das schon was anderes?" Ich konnte es nicht mehr zuordnen, und das war so apokalyptisch. Auch dieser Traum von meinem Heimatdorf. Da bin ich dann ins nächste Dorf gegangen, da ist mir einer begegnet, der hat gesagt: „Ja, dort ist keiner mehr." Das war alles wie ausgestorben. Es war richtig unheimlich! Die Stimmung, die es erzeugt hat, kommt einem Horrorfilm gleich, so angsteinflößend und existenzraubend, wie eine Weltuntergangsstimmung! So etwas hatte ich noch nie geträumt! Es war so real, so greifbar! Nicht weit weg, wie so ein vernebelter Traum. Das war alles wirklich! In dem Moment hätte ich es akzeptieren können, dass das wirklich so ist. Das war aber ganz fürchterlich!

Tatsächlich bin ich dann in dem Moment schließlich aufgewacht, als meine Angehörigen da waren. Das führe ich schon ein bisschen darauf zurück. Die haben geredet wie ein Wasserfall und erzählt, was ich früher immer gemacht habe, während ich mir dachte: „Was erzählen die denn? Das ist doch völlig unwichtig!" Aber im Nachhinein glaube ich, waren das doch so Verknüpfungen, Tätigkeiten von früher, die mir vielleicht den Schubs zum Aufwachen gegeben haben.

Aber die Phase hat für mich lange gedauert. Ich konnte nichts sagen! Ich habe so viel Liebe geschenkt bekommen und Umarmungen, aber auch Fragen – und ich konnte nichts sagen! Das hat mir alles total gutgetan, diese Zuwendungen, diese Umarmungen, aber es hat mir auch Angst gemacht, weil ich gedacht habe: „Du lieber Gott, ich kann ja nicht reden! Was mache ich, wenn das alles weg ist?" Das waren dann noch mal Höllenängste, die ich ausgestanden habe. Dann ist aber eine Angehörige über Nacht dageblieben und hat die Nacht durch gebetet. Das hat sie wohl sogar öfter gemacht. Das ist ein ganz wichtiger Faktor, denn dass es so gut ausgegangen ist, schreibe ich viel dem Gebet zu, auch wenn die Ärzte alles aufgeboten haben. Denn da habe ich gemerkt, dass es von Stunde zu Stunde besser wurde. Als dann der Arzt kam, hat der mir mitten ins Gesicht gesagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie wieder aufwachen." Da habe ich erst gemerkt, wie ich dran war. Wenn mir das nicht jemand erzählt hätte, wüsste ich gar nicht, was mir an Schmerzen erspart blieb durch die Medikamente und durch das Koma. Das hätte ich ja gar nicht ausgehalten!

Im Nachhinein glaube ich schon, dass der tägliche Besuch wichtig war, auch wenn ich es nicht mitbekommen habe. Das ist schon noch einmal etwas, das einen Komapatienten am Leben hält.

Wenn man oft hört: „Der liegt im Koma, naja, der muss halt versorgt werden", da weiß man ja nie, was der alles mitkriegt oder durchmachen muss. Das darf man vielleicht nicht so oberflächlich sehen. Ich denke, der muss noch besser behandelt und sensibler versorgt werden als ein Patient, der sprechen kann, denn der könnte sich ja äußern.

Unter dem Strich war es eine Erfahrung, die für mein Leben entscheidend war. Das ganze Behandlungsteam hat alles aufgeboten. Jeder hat wirklich hart gearbeitet, um es mir und meiner Familie gutgehen zu lassen, so gut wie möglich.

Aber ich denke trotzdem, was für mich wichtig und entscheidend war, war das Gebet! Ich weiß, dass viele für mich gebetet haben. Und ich denke, das hat mich nochmal von der Kante geholt.