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Schnell geht dieser Satz über die Lippen. Wir haben jedoch beobachtet, wie viel ein Mensch im Koma mitbekommt: Neben aller medizinischen und pflegerischen Versorgung kommen Menschen aus seinem persönlichen Umfeld zu ihm. Sie sprechen mit ihm, schweigen bei ihm, berühren ihn und drücken auf vielfältige Weise Gefühle und Anteilnahme aus. Er bekommt also eine Menge mit auf seinem Weg. Aber reagiert er darauf oder zeigt er etwas von sich? Will er vielleicht, dass auch die, die ihn besuchen, etwas von ihm mitbekommen? - Auf diesen Seiten laden wir Sie zum Entdecken ein.
Lebensraum Intensivstation
Auf einer Intensivstation ist die technische Fähigkeit zur Steuerung der Vitalfunktionen eines Menschen hoch. Es wird alles getan, um ihn in einer Schwellensituation am Leben zu halten. Oft ist der zu rettende Mensch in einem Bewusstseinszustand, der unterschiedlich beschrieben werden kann: sein Bewusstseinszustand ist vom Wachbewusstsein unterschieden, er ist bewusstlos, er ist in die Bewusstlosigkeit gefallen, ist sediert worden, wurde ins Koma gelegt oder ist ins Koma gefallen. Dabei beschreibt der Satz „Er bekommt nichts mehr mit“ eine Vereinfachung: es ist gut, dass der Patient bezüglich Angst, Schmerz und Widerstand nichts mitbekommt (weil man diese Zustände und Gefühle medikamentös „ausschalten“ kann).
Koma
Mit Benommenheit, Somnolenz, Sopor und schließlich Koma, beschreibt die Medizin quantitative Bewußstseinsstörungen zunehmender Schwere. Der nächste Schweregrad wäre der Hirntod. Der Patient im Koma ist nicht erweckbar und reagiert nicht (messbar) auf starke Außenreize (wie z.B. Schmerz). Je nach Ursache, kann es sich beim Koma um einen reversiblen Zustand handeln.
Kommunikation
Insbesondere Angehörige suchen den Kontakt, die Ansprache und Momente der
Zuwendung zum Menschen im Koma. Der Mensch im Koma berührt trotz seiner
scheinbaren geistigen Abwesenheit etwas in uns, wenn wir ihm aufmerksam und
achtsam begegnen.
Diese Erfahrung der Verbundenheit haben wir systematisch ergründet, um ein
strukturiertes Konzept für den Besuch bei einem Komapatienten zu entwickeln.
Dabei haben wir die Erkenntnisse über nonverbale Kommunikation ebenso
berücksichtigt wie die über das innere Erleben von Menschen, die sich nicht
im Wachbewusstsein befinden.
Daraus ist ein wiederholbares Vorgehen zur Kontaktaufnahme mit Menschen im
Koma und mit ihrem Umfeld im Sinne einer Kommunikation entstanden: die
Struktur zur Tiefenwahrnehmung.
Tiefenwahrnehmung
Tiefenwahrnehmung ist zunächst ein Begriff aus der Wahrnehmungspsychologie. Damit wird die ästhetische, akustische und visuelle Erfahrung und Konstruktion von Raum beschrieben. Für diese räumliche Tiefenerfahrung ist die Wahrnehmung der Entfernung des Betrachters grundlegend. – Wir verwenden den Begriff ähnlich und arbeiten mit der ästhetischen, visuellen, dann aber auch sensitiven und intuitiven Wahrnehmung eines Menschen im Koma, der sich zunächst eher objekthaft zeigt. In einem weiteren Sinn sind wir abseits einer oberflächlichen Zuschreibung (z.B.: „er bekommt nichts mit“) in tieferer Wahrnehmung aufmerksam für den Komapatienten und einer möglichen Spur einer Kommunikation. Dabei bleiben wir aufmerksam für den Prozess und das Geschehen, um auch das Eigene vom Fremden unterscheiden zu können. Nicht die Zuschreibung, wie dieser Mensch sein könnte, sondern die Wahrnehmung, was er zeigt als Teilhabe oder Mitteilung bestimmt die Begegnung.
Das Buch zur Tiefenwahrnehmung

Anton Baier
Kommunikation mit Komapatienten
Grundlagen und praktische Anwendung der strukturierten Tiefenwahrnehmung
86 Seiten, kartoniert
ISBN 978-3-17-044758-5
Hier bestellen [beim Kohlhammer-Shop]Literatur
Bücher
Funke, D. (2011): Ich – eine Illusion. Bewusstseinskonzepte in Psychoanalyse, Mystik und Neurowissenschaften. Gießen: Psychosozial.
Kagge, E. (2022): Stille. Ein Wegweiser, Berlin: Insel.
Keleman, S. (1994): Forme dein Selbst. Wie wir Erfahrungen verkörpern und umgestalten. München: Kösel.
Lommel, P. (2011): Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung. Ostfildern: Patmos.
Owen, A. (2017): Zwischenwelten. Ein Neurowissenschaftler erforscht die Grauzone zwischen Leben und Tod. München: droemer.
Renz, M. (2010): Der Mensch als Wesen der Sehnsucht. Connected or Disconnected. Paderborn: Junfermann.
Rosa, H. (2019): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.